Thesen zur ästhetischen Bildung in der Schule

Angelehnt an die „Tutzinger Thesen zum Schultheater 2004“

  1. Mit der gesellschaftlichen Modernisierung wächst die Bedeutung von Allgemeinbildung im Sinne „allgemeiner Menschenbildung“ (Humboldt) und der Entfaltung der Subjektivität der Person. Die Schule kann und muss jungen Menschen ein sinnvolles Fundament für ihre gegenwärtige und künftige Lebensführung bieten, indem sie ihnen Erfahrungen mit den Möglichkeiten der menschlichen Kultur und des menschlichen Zusammenlebens erschließt. Die Schule ist daher nicht nur auf die Vorbereitung für die Zukunft, sondern auch auf eine möglichst sinnvolle Erfahrung und Gestaltung der Gegenwart zu beziehen.
  2. Mit der gesellschaftlichen Modernisierung wächst zugleich die Bedeutung von allgemeinen Qualifikationen („Schlüsselqualifikationen“). Politische Mündigkeit und ökonomische Handlungsfähigkeit erfordern Sachkompetenz, Methodenkompetenz, Sozialkompetenz. Sie müssen in der Schule nachhaltig gefördert werden.
  3. Die Künste (Literatur, Musik, Bildende Kunst, Theater, Sport etc.) sind kein überflüssiger Luxus, sondern - gemeinsam mit den Wissenschaften - das zentrale, definierende Element schulischer, besonders auch gymnasialer Bildung. Sie tragen sowohl zur Allgemeinbildung als auch zu den politischen und ökonomischen Schlüsselqualifikationen entscheidend bei. In den Schulen gehören sie ausgebaut, nicht abgebaut.
  4. Die Auseinandersetzung mit ästhetischen Gestaltungsproblemen fördert zugleich ganzheitliche Bildungsprozesse und soziale Qualifikationen. Rationale und emotionale, intellektuelle und kreative, physische und musische, individuelle und soziale Fähigkeiten werden gleichermaßen angesprochen und entwickelt. Gefordert ist, im wörtlichen Sinne, „Leibesübung“. Anthropologische, bildungstheoretische und bildungspolitische Argumente ergänzen und stützen sich hier gegenseitig.
  5. Unter den bildungspolitischen Forderungen nach zukunftsweisenden Unterrichtskonzepten wie z.B. handlungs- und erfahrungsorientierter Unterricht, Projektunterricht, Freiarbeit etc. kommt den Künsten eine herausragende Bedeutung zu. Sie bilden einen zentralen Bestandteil von Schulkultur und pädagogischer Schulentwicklung, weil sie - im Unterschied zu bloß methodischen Unterrichtskonzepten ­einen zugleich inhaltlich, methodisch und institutionell bestimmten Rahmen für kreative Bildungs- und Qualifikationsprozesse schaffen.
  6. Die Künste können einen wesentlichen Focus der pädagogischen Schulentwicklung darstellen, weil sie sich besonders für fächerübergreifenden und fächerverbindenden Unterrichts eignen. Sie können somit auch wesentlich zu einer substantiellen Kooperation im Kollegium beitragen.
  7. Die Künste bieten besonders gute Chancen für die pädagogische Arbeit mit altersgemischten Gruppen. Die Arbeit mit altersgemischten Gruppen gewinnt in einer Zeit, in der den Kindern die Geschwister ausgehen, immer höhere Bedeutung. Darin liegen nicht nur für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für die Lehrerinnen und Lehrer besondere Erfahrungs- und Entwicklungschancen.
  8. Die Schule soll und kann nicht nur ein Lebens- und Lernzentrum, also ein Kulturzentrum für die Schülerinnen und Schüler, sondern auch für die sie tragende und mit ihr verbundene Öffentlichkeit sein bzw. werden. Dazu bieten die Künste besonders vielfältige Möglichkeiten. Sie bilden eine kulturelle Ressource für die Öffentlichkeit und können auf besondere Weise dazu beitragen, kulturelle, soziale und ökonomische Ressourcen für die einzelne Schule zu erschließen.
  9. Die Künste in der Schule stehen, vor allen weiteren Aufgaben, unter einem pädagogischen Primat. Zentral ist der Bildungsauftrag. Es geht nicht um eine ästhetische Selbstverwirklichungsbühnen für verhinderte freie Künstlerinnen und Künstler, sondern um besonders fruchtbare pädagogisches Medien.
  10. Dass Unterrichten und Erziehen mehr mit Kunst als mit Wissenschaft zu tun hat, weiß jede nachdenkliche Lehrerin, jeder nachdenkliche Lehrer. Ästhetische Bildung ist daher nicht nur eine Aufgabe für die Schüler, sondern auch für die Lehrerinnen und Lehrer. Denn Schulkultur gibt es nur durch und mit Kultur.

Eckart Liebau