Theater an Ganztagsschulen

Screenshot_Ganztagsschulen in Bayern (ISB)

„Der (…) Ausbau von Ganztagsschulen (…) stellt einen wesentlichen Beitrag zur zukunftsorientierten Weiterentwicklung des bayerischen Bildungswesens dar, der mehr individuelle Förderung, mehr Chancengerechtigkeit für die Schülerinnen und Schüler (…) ermöglicht. Bayern reagiert damit sowohl auf gesellschaftspolitische als auch auf bildungspolitisch-pädagogische Herausforderungen.“ (ISB Handreichung Gebundene Ganztagsschule)

Die Einbindung von Theater in Ganztagsklassen bietet Gymnasien einen einfachen, aber sinnvollen Weg auf die besonderen Herausforderungen im Ganztagsbetrieb zu reagieren. Mit Theater im Ganztagsangebot wird die Ausrichtung auf einen ganzheitlichen Bildungsbegriff betont, dem gerade Ganztagsschulen in besonderer Weise verpflichtet sind.
Wenige Felder sind zur Förderung von ganzheitlicher Bildung so geeignet wie das Theater. Es dient der ganzheitlichen Persönlichkeitsentwicklung der Schüler, indem es gleichermaßen seine rationalen wie emotionalen, intellektuellen wie kreativen, physischen wie ästhetischen, individuellen wie sozialen Fähigkeiten fördert. Diese Bildungspotenziale des Theaters hat auch Hartmut von Hentig im Blick, wenn er feststellt, „dass das Theaterspiel eines der machtvollsten Bildungsmittel ist, die wir haben: ein Mittel, die eigene Person zu überschreiten, ein Mittel der Erkundung von Menschen und Schicksalen und ein Mittel der Gestaltung der so gewonnenen Einsicht.“ (Hartmut v. Hentig Bildung, München 1996 S.119)

Überblick zu Theater in Ganztagsklassen:

  • im Klassenverband
  • im Sinne der Rhythmisierung des Stundenplans
  • als Ergänzung des Unterrichtsangebots
  • Teil des regulären Unterrichts: Teilnahme verpflichtend

TAG setzt sich dafür ein, dass das Fach Theater im Zuge des Ausbaus von Ganztagsschulen als eine der sinnvollsten Möglichkeiten einer Ausweitung schulischen Unterrichts wahrgenommen wird.

Warum Theaterunterricht im Rahmen des Ganztages?

Der besondere Stellenwert des Theaters für Ganztagsschulen zeigt sich gerade in seiner physischen, ästhetischen und sozialen Dimension. Die Entwicklung zur Ganztagsschule heißt, „Schule als Lebenswelt“ zu entwickeln, denn in der ganztägigen Anwesenheit der Schülerinnen und Schüler steckt eine große Chance: (Einzel-)Kinder haben Gelegenheit, in vielfältiger Form Gemeinschaft zu erfahren und sinnvoll Freizeit zu gestalten. Das Theater als soziale Kunstform bietet hier von den ersten Gruppenfindungsphasen bis hin zur gemeinsamen Aufführung zahlreiche Möglichkeiten sich selbst und in der Begegnung mit anderen in einer Gemeinschaft zu erleben. Damit Theater gelingen kann, benötigt es eine strikte Aufgabenorientierung und damit eine Fülle unterschiedlichster Fähigkeiten und Fertigkeiten, wie z.B. Verlässlichkeit, Empathie, Selbstdisziplin und Kritikfähigkeit, die hier in der Gemeinschaft gleichsam nebenbei erworben werden und erworben werden müssen. Alleine lässt sich kein Theater gestalten; neben Eigeninitiative erfordert das Spiel in und mit der Gruppe auch den Willen zur Mitgestaltung und Mitverantwortung. 

TAG_Theater an Ganztagsschulen

Ganztagsschule bedeutet auch, dass die Schulen mehr als bisher zum Lebensraum der Kinder werden, und deswegen auch an die zeitliche und inhaltliche Struktur des Schulbetriebs unter biologischen und lernpsychologischen Aspekten hohe Anforderungen gestellt werden. Theater als ein zwischenleibliches Geschehen kann in diesem Zusammenhang ebenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Rhythmisierung der Stundentafel leisten. Wie in keinem anderen Feld bekommt die Leiblichkeit im Theater besondere Aufmerksamkeit. Die Spieler nutzen ihren Leib als Werkzeugleib, als Sinnenleib, als Erscheinungsleib, als Sozialleib und als Symbolleib, also als Instrument der Handlung, der Wahrnehmung, des Ausdrucks, der Beziehung und der Bezeichnung. Ganzheitliche Bildung im Lebensraum Schule bedeutet hier auch einen Wechsel von rein kognitiv ausgerichteten Lernformen. Guter Theaterunterricht ist dabei selbst schon „rhythmisiert“: damit ist der Wechsel von Anstrengung und Erholung, Bewegung und Ruhe, kognitiven und praktischen Arbeitsphasen, Aufnehmen und Besinnen, gelenktem Arbeiten und Selbsttätigkeit, Konzentration und Zerstreuung und individuellem Arbeiten und Arbeiten in der Gruppe gemeint.

Neben den zeitlichen und organisatorischen Möglichkeiten, eröffnen sich mit dem Ausbau von Ganztagsschulen vor allem inhaltliche Gestaltungsräume, die in der klassischen Vormittagsschule oftmals keinen angemessenen Platz fanden. Theater gehört wie Kunst und Musik zu den Fächern, die einen ästhetisch-expressiven Modus der Weltbegegnung ermöglichen, und ist ein wesentlicher Teil unserer Kultur. Damit gehört es zum Kernbereich der ästhetischen Bildung im Gymnasium. Der Stellenwert dieses Modus der Welterfahrung zeigt sich u.a in der von Eckhard Klieme herausgegebenen Expertise zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards (BMBF), in der die ästhetisch-expressive Dimension gleichberechtigt neben der historisch-gesellschaftlichen, mathematisch-naturwissenschaftlichen, mutter- und fremdsprachlichen Dimension als Bestandteil eines Kerncurriculums moderner Allgemeinbildung bestimmt wird. 

Theaterklasse in Aktion!

Auch das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus bietet den Bereich der kulturellen Bildung als mögliche Schwerpunktsetzung im Rahmen des gebundenen Ganztageskonzepts an. Das Theater kann dabei eine herausragende Rolle spielen. Mit dem Spiel mit Fiktionen und den Möglichkeiten aus inszenatorischer, performativer und semiotischer Ebene eröffnen sich höchst komplexe Erfahrungs- und Bildungsmöglichkeiten, die nur im Theater gewonnen werden können. Theater „ist Auseinandersetzung (wahrnehmend und gestaltend) des Subjekts mit sich selbst im Medium der Kunst.“ (Ulrike Hentschel, Theaterspielen als ästhetische Bildung.) Theater bietet Heranwachsenden die Möglichkeit, sich selbst ausprobieren und zu einer eigenen Deutung der Welt gelangen. Als „unreine“ Kunstform integriert Theater Sprache, Musik, bildende Kunst, Medien, Sport, Tanz und vieles mehr. „Die damit verbundene inhaltliche und kulturelle Komplexität und genuine Interdisziplinarität bietet kein anderes Schulfach.“ (Eckart Liebau) Neben den spezifischen Potenzialen theatraler Bildung ist Theater als ästhetische Bildung immer auch ein wesentlicher Schlüssel für die Teilhabe an der Gesellschaft und leistet dadurch einen wichtigen Beitrag zur Chancengleichheit

Der Ausbau von Ganztagsschulen und die Rhythmisierung der Stundentafel erleichtern auch die strukturelle Integration von Theater in den schulischen Alltag. Bei mehr Nachmittagsunterricht muss sich auch der Unterricht als solcher in seiner Methodik und in seinen Sozialformen den veränderten Gegebenheiten anpassen. Theater hat dabei als handlungs- und erfahrungsorientierter Unterricht in der Form von Projektunterricht zentrale Bedeutung.

Die Potenziale des Theaters treffen damit wesentliche Zielsetzungen, die mit dem Ausbau von Ganztagsschulen verbunden werden. Mit der Integration von Theater in den Stundenplan von Ganztagsschulen ist den Schulen die Möglichkeit gegeben den ganzheitlichen Bildungsauftrag des Gymnasiums auf die gesellschaftspolitischen als auch auf bildungspolitisch-pädagogische Herausforderungen anzupassen.

Theater im offenen Ganztag

Im offenen Ganztag steht das Theater neben vielen anderen Angeboten (von Gitarrenstunden bis zum Mentorenprogramm älterer Schüler). Zudem drängen auch externe Kräfte (Tanz-, Musik-, Theaterpädagogen, Sportvereine, Rotes Kreuz, usw.) in diesen Bereich. Dazu ist zu sagen (siehe oben), dass Theater pädagogisch und bildungstheoretisch sicherlich das sinnvollste Angebot darstellt. Zudem sind ausgebildete Theaterlehrer für das Theater in der Schule als die bestmöglichen Fachkräfte anzusehen, so dass externe Kräfte an sich nicht notwendig sind. Hier gilt es lediglich, die Schulleitung davon zu überzeugen, dass für den Theaterunterricht im offenen Ganztag Budgetstunden eingesetzt werden können. Bei geschickter Unterrichtsverteilung sollte dies jedoch kein Problem darstellen. 

Jahresplan Theater (5-6)

Einschränkungen bei der Gestaltung des Theaterunterrichts im offenen Ganztag gibt es nicht. Grundsätzlich sollte man aber davon ausgehen, dass dabei keine „abendfüllende Aufführung“ entstehen muss, sondern eher kurze Werkstattpräsentationen. Orientierung bietet der Jahresplan für Theater in den Jahrgangsstufen 5-6. Eine Benotung findet in der Regel nicht statt. Die Teilnahme kann aber durch eine geeignete Zeugnisbemerkung bescheinigt werden.

Beispiel Offener Ganztag: Modell Albert-Einstein-Gymnasium München

Theater im gebundenen Ganztag

Die Gestaltung des Programms im gebundenen Ganztag liegt ganz in der Hand der ausrichtenden Schule. Wie oben geschildert, kann und sollte Theater in einem vernünftigen Ganztageskonzept eine wichtige Rolle spielen. Ausgebildete Theaterlehrer sollten in diesem Zusammenhang die Chance nutzen und überzeugende Angebote unterbreiten, wie das Fach im Ganztag positioniert werden kann. 
Im gebundenen Ganztag ist Theater Teil des regulären Unterrichtsprogramms, d.h. Pflichtunterricht und wird dementsprechend in den rhythmisierten Stundenplan fest eingebaut. Es ist darauf zu achten, dass Theater nicht unbedingt in den späten Nachmittagsstunden stattfinden muss, sondern – im Sinne einer Rhythmisierung – auch zwischen einer Doppelstunde Deutsch und einer Doppelstunde Mathematik am Vormittag stehen kann. Nur auf diesem Wege können die Potentiale des Faches komplett ausgeschöpft werden.
Es bieten sich Absprachen mit anderen Institutionen, Fächern bzw. Angeboten an: Stärkung der Sozialkompetenzen (Sozialpädagogen, Schulpsychologen), Sprachförderung für Schüler mit Migrationshintergrund, Zusammenarbeit mit dem Deutsch- oder Fremdsprachenunterricht, usw. 
Da der Theaterunterricht im Klassenverband stattfindet, hat man so die Möglichkeit eine gleichbleibende Gruppe über mehrere Jahre hinweg zu begleiten. Einschränkungen bei der Gestaltung des Theaterunterrichts im gebundenen Ganztag gibt es nicht. Grundsätzlich sollte man aber davon ausgehen, dass dabei keine „abendfüllende Aufführung“ entstehen muss, sondern eher kurze Werkstattpräsentationen. Möglich sind auch kurze Präsentationen am Informationstag für die zukünftigen Fünftklässler, am Tag der offenen Tür oder an speziellen Informationsabenden zum Ganztagesbetrieb. Orientierung bietet der Jahresplan für Theater in den Jahrgangsstufen 5-6. 
Im gebundenen Ganztag ist aber darauf zu achten, dass sich eine kontinuierliche Entwicklung über die Jahre ergibt, auf die dann in der Mittelstufe bzw. im Wahlprofilfach der Oberstufe aufgebaut werden kann. Eine Benotung findet in der Regel nicht statt. Die Teilnahme kann aber durch eine geeignete Zeugnisbemerkung bescheinigt werden.

Beispiel Gebundener Ganztag: Modell "Ganz Theater" am Pirckheimer-Gymnasium Nürnberg

TAG spricht sich dafür aus, dass Theater im Rahmen von Ganztagsschule von Fachlehrern unterrichtet wird.

 

 

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